Es ist gar nicht so leicht den Inhalt dieses Buches wiederzugeben, ohne etwas vorwegzunehmen. In groben Zügen beschrieben handelt die Geschichte von Cyra und Akos, den beiden Hauptpersonen, die die Verfeindung ihrer beiden Völker, welche als einzige in ihrem Sonnensystem gemeinsam auf einem Planeten leben, hinter sich lassen müssen, um ihre Freiheit (zurück) zu erlangen.

Dabei im Weg stehen ihnen Cyras Bruder, der ihre qualvolle Lebensgabe für sich benutzt, um damit seine Herrschaft zu stärken, Akos Sturheit und die verschiedenen Schicksale, die von den Orakeln prophezeit wurden und denen man nicht entkommen kann.

Die Handlung ist zumindest für die größeren Konfliktpunkte und Entwicklungen vorhersehbar und wenig originell. Zudem geschieht alles etwas langsam.

Man erhält einen (durchaus interessanten) Einblick in die Kultur dieser fiktiven Völker, aber es gibt einem auch das Gefühl, dass nichts wirklich geschieht. Wenn man genauer hinsieht bemerkt man, dass sich auf die Entwicklung der Beziehung zwischen Cyra und Akos konzentriert wird, und es eher weniger um die Revolution geht, die im Hintergrund vorbereitet wird. Aber durch eben dieses Vorhandensein der Revolution wurde beim Lesen eine Erwartungshaltung erzeugt, dass irgendetwas Größeres geschieht. Es braucht jedoch über zweidrittel des Buches, bis das passiert.

Diese Zweidrittel, in denen die Handlung nicht mit der Peitsche angetrieben wird, sind gefüllt mit authentischen Charakteren und fantastischem Worldbuilding. Die Welt in der eine Fantasygeschichte spielt kann oftmals ausschlaggebend sein. Diese Welt, diese Galaxie ist unglaublich detailreich und gibt dem Leser die Möglichkeit für wunderschönes Kopfkino. Nicht nur das Aussehen der Welt, auch die Bräuche der verschiedenen Völker, ihr Glaube und ihre Kultur ergeben ein stimmiges Gesamtbild beim Lesen.

An dieser Stelle sollten die Lebensgaben noch einmal hervorgehoben werden, die der eigentliche „Fantasy“-Anteil dieses Buches sind. Mit dem Verlauf des Buches lernt man einiges über die Wirkungsweise dieser Gaben, die eine neue Dimension hinzufügen und es nicht zur typischen Fantasy-Gabe macht und dem ganzes auch eine weniger schöne Seite zuordnet.

Auch zu loben ist der Umgang mit homosexuellen Paaren, die nicht überzeichnet positiv und perfekt dargestellt werden, sondern ohne großes Getue als ganz normale Paare. Da liest man schon einmal einen Satz über einen Herrn und seinen Ehemann, ohne dass es in den Fokus gestellt wird, oder in irgendeiner Art als „anders“ gilt.

Wie bereits erwähnt sind die Charaktere authentisch geschrieben. Veränderung und Annäherungen sind nie plötzlich. Die Charaktere sind facettenreich und keine wandelnden Stereotypen. Es wird nicht alles auf einmal Preis gegeben, sondern man wird das ein oder andere Mal von einer Tat oder einer Reaktion überrascht. Das betrifft vor allem auch die Nebencharaktere, die allesamt mehrschichtig, und nicht nur Füllmasse sind. Die Gedankenwelt der Protagonistin Cyra ist häufig von ihren chronischen Schmerzen bestimmt, die von ihrer Lebensgabe ausgehen. Dabei hatte ich die Befürchtung, dass deren ständige Erwähnung etwas von der schwere dieses Schicksals und dem Mit-Leiden nehmen könnte, einfach weil es zu sehr ausgetreten wurde. Zumindest für mein Empfinden trat dieses jedoch nicht ein. Cyras Lebensgabe ist ein wichtiger Punkt für die Handlung, aber verliert trotz der dauernden Präsenz nicht an tragik.

Ich bin sehr gespalten, was dieses Buch betrifft. Die zweite Hälfte war wirklich gelungen, sowie das Worldbuilding und die Charaktere. Die erste Hälfe jedoch war ein Kampf, der sich gezogen hat wie Kaugummi und bei dem ich so manches Mal das Buch gerne einfach weggelegt hätte. Ich bin trotzdem froh, dass ich es nicht getan hab und werde sicherlich auch den zweiten Teil lesen. Vielleicht kommt darin ja die explosive Handlung, die mir in der ersten Hälfte dieses Buches so gefehlt hat.